r NAZA
Yuval Abraham, Rachel Szor, GB, USA, 2026o
24 Angehörige der israelischen Armee und ihrer Geheimdienste geben anonymsiert Auskunft über die bewusst in Kauf genommenen Massentötungen von Zivilist:innen während des Gazakriegs mit Fernlenkwaffen, Sprengkommandos und Heckenschützen vor Ort. Während den Interviews auf den Dächern von Tel Aviv richtet sich der Blick der Kamera auf die nächtlichen Wohnungen der Stadt und erinnert damit an die Ahnungslosigkeit der Opfer dieser Kriegsverbrechen.
Die israelische Armee verwendet die Abkürzung NAZA für die Zahl ziviler Todesopfer, die sie bei Angriffen mit Bomben, Drohnen und anderen Fernwaffen bewusst in Kauf nimmt. Im gleichnamigen Dokumentarfilm der israelischen Kamerafrau Rachel Szor und ihres Arbeitspartners Yuval Abraham, die bereits am oscarprämierten No Other Land über die Terrorisierung der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland beteiligt waren, geben 24 anonymisierte Angehörige der israelischen Armee und ihrer Geheimdienste Auskunft über die Politik hinter den Zehntausenden von «NAZAs» während des Gazakriegs.
Auf Dächern im nächtlichen Tel Aviv interviewt, erzählen die Gewährsleute als Silhouetten mit elektronisch verfremdeten Stimmen, wie sie praktisch jedes Telefon im Gazastreifen abhören konnten und aus privaten Gesprächen ableiteten, wo und wann Hamas-Mitglieder am sichersten zu treffen waren – praktisch immer nachts in ihren Wohnungen. Dort «eliminierte» man sie ohne Rücksicht auf ihre Familien: Eine KI mit einem geschätzten Irrtumsfaktor von 15 Prozent markierte Wohnungen, ganze Stockwerke oder Gebäude zur Bombardierung, Sprengkommandos vollendeten die Zerstörung am Boden, Heckenschützen nahmen Zivilisten beim Anstehen für Hilfsgüter unter Beschuss …
Praktisch alle diese mutmasslichen systematischen Kriegsverbrechen sind aus Recherchen der letzten Jahre bereits bekannt. Doch es ist etwas anderes, ihre Planer und Vollstrecker stocknüchtern, bisweilen auch triumphierend darüber sprechen zu hören und dabei in die nächtlichen Wohnungen von Tel Aviv zu blicken, wo die Menschen so wenig wie jene im Gazastreifen ahnen, wie schutzlos sie faktisch sind. Natürlich bezeichnen sich die Täter in Naza vorwiegend als «Techniker» und Hilfskräfte eines Systems, das quasi autonom agiert. Gerade damit legt der Film den Mechanismus offen, der die Massentötungen unserer Tage erschreckend einfach macht: die anonymisierte Täterschaft auf Distanz, die Entmenschlichung der Opfer zu Chiffren.
Am Ende des Films stehen wenige Handyaufnahmen aus Gaza. Ein verzweifelter Vater will in einen der Trümmerberge hineinkriechen und ruft seinem dort vermuteten Sohn zu, dass er auf seine Schwester hätte aufpassen müssen. Ein Hamas-Mitglied, Ingenieur, Strassenhändler? In diesem Moment einfach ein Mensch. Wenn man ihn sticht, dann blutet er.
Andreas Furler
