r Bienvenue chez les Ch'tis
Dany Boon, Frankreich, 2008o
Ein südfranzösischer Postbeamter wird nach einer Schummelei bei der Stellenbewerbung strafversetzt in ein nordfranzösisches Provinznest, wo er sich zu seiner eigenen Überraschung bestens einlebt und neue Freunde findet. Seiner im Süden verbliebenen Frau gegenüber aber gibt er vor, dass er im hohen Norden die Hölle durchmache. Worauf sie beschliesst, dass er ihren Beistand bei den barbarischen Sch'tis dringend braucht.
Man kann der erfolgreichsten französischen Komödie der letzten zwanzig Jahre – mit knapp 21 Millionen Eintritten zumindest auf dem Heimmarkt sogar von Intouchables ungeschlagen – keine unnötige Komplexität vorwerfen. Mit der durchsichtigen Mechanik eines ländlichen Schwanks macht sie uns vor, dass ein strafversetzter Postbeamter seiner in Südfrankreich verbliebenen Frau erfolgreich vorgaukle, sein temporäres Leben im industriellen Norden von Frankreich sei die Hölle, obschon der Mann seine eigenen Vorurteile gegen die hemdsärmeligen Provinzler:innen in Wahrheit schon am ersten Arbeitstag ablegt und sich bald pudelwohl fühlt bei den «Sch’tis» mit ihrem seltsamen Dialekt. Warum der Held das tut? Nun, ähm, weil ihn seine Frau an den provenzalischen Wochenenden dafür tröstlich verwöhnt, weil seine Ehe nie besser lief als auf Distanz… Egal, der Film führt seinen Helden mit einer fulminanten Reihe von Pointen als notorischen Schwindler ein, und dem Erzkomödianten Kad Merad (Baron noir, siehe unten) ist diese Rolle auf den Leib geschneidert, wenn er schon bei der Abfahrt in den vermeintlich hohen Norden mit dicker Daunenjacke daherkommt, auf der Autobahn wegen Bummelei gebüsst werden soll und prompt verschont bleibt, sobald er mit Leidermiene sein furchterregendes Reiseziel nördlich von Calais nennt. Hanebüchen auch die Scharade seiner neuen nördlichen Kumpel, die sich wie die erwarteten Bilderbuch-Grobiane aufführen, als sich die Frau des Helden doch noch in den Norden bequemt. Doch auch diese dramaturgische Hochstapelei spielt keine Rolle, weil der Regisseur und Co-Hauptdarsteller Danny Boon als gebürtiger Beinahe-Sch'ti seine Klischeefiguren alle mit Liebenswürdigkeit ausstattet – und für einmal nicht einen arroganten Pariser, sondern einen Provinzler mit der Provinz versöhnt.
Andreas Furler
